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Einträge vom 25. Januar 2010

Diskussion zu »Theater macht reich!«

In Jonas’ Blog läuft derzeit eine angeregte, fast hitzige Diskussion über die Schließung des Schauspielhauses in Wuppertal. Dabei bezog er sich in seinem Beitrag auf meinen letzten Eintrag »Theater macht reich!« – Die 24h von Wuppertal, schildert kurz die derzeitige Lage der Stadt und seine Eindrücke über den gesellschaftlichen uns städtischen Zustand des (Wuppertaler) Theaters.

Im Folgenden werde ich einige Punkte der Diskussion aufgreifen, zitieren und meine Meinung dazu schildern:

Jonas schrieb in seinem Beitrag:

Ich finde es immer wieder interessant zu sehen, wie sehr sich die Leute am Abend vor dem Cinemaxx drängeln, während vor dem Schauspielhaus nicht mal 10Prozent der Menge steht.

Woran liegt das?

Ich hab das neulich mal angesprochen und wurde dann sofort angemacht zum Thema: „Das liegt halt daran, dass das Kino wesentlich mehr Geschmäcker trifft!“

Jo… weshalb das Kino auch wesentlich mehr Geld macht. Weil’s das bietet was die Leute sehen wollen. […]

In Jonas’ Antwort auf einen Kommentar von Lena schrieb er später weiter:

Also: “Ich Tasche” hab ich gesehen, fand es gut, aber sah auch da wieder das Problem, was “Kultur” in Deutschland nun mal hat. Sie ist für 90% der Leute unverständlich. Viele der Dinge auf die angespielt werden einfach vom “Mainstream” nicht wahrgenommen. Und dementsprechend empfinden solche Leute es nicht wie du, dass sowas total toll ist, sondern langweilen sich dann da oder werden verwirrt.

Theater ist, meiner Meinung nach, nicht nur bloß dafür da dem Mainstream, also der breiten Masse, zu gefallen. Theater war immer ein Mittel um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten und die Obrigkeit zu kritisieren; indem Sinne hat Theater nicht nur den Zweck zu unterhalten, sondern vor allem auch der Gesellschaft ihre derzeitige Lage vor Augen zu führen. (So gesehen ist die drohende Schließung äußerst zynisch.)
Natürlich geht dies auch im Film. Aber wie viele gesellschaftskritische Filme schaffen es ins Kino? Und vor allem in die großen Kinos? Denn das Cinema, das Szene-Kino in Wuppertal, strauchelt ja auch leider immer wieder.
Mit dem Wegfall des Theaters in Wuppertal wird es wieder ein Forum für öffentliche Gesellschaftskritik weniger geben …

Das die Stücke im Theater zu Anspruchsvoll seien, würde ich eher als Armutszeugnis für unseren Bildungsstandard im Land der Dichter und Denker (sic!) als am (derzeitigen) Programm festmachen. Ohne Cinema und Theater nur noch seichte Unterhaltung auf allen Wuppertaler Bühnen und Leinwänden.

Ich möchte nicht von der Hand weisen, dass die ehemalige Intendanz des Schauspielhauses Fehler gemacht hat, die wohl auch zu der derzeitigen Misere geführt haben, indem sie für sich ein elitäres, anspruchsvolles Theater in Anspruch genommen haben und dies auch so nach Außen kommuniziert haben. Aber ich fände es Schade und nicht Gerecht, wenn nun die neue Intendanz für die Fehler der Vorgänger bezahlen müssten, wo sie gerade anfangen ein neues, ansprechendes Programm zu realisieren und auch ihre Kommunikation nach Außen deutlich verbessert haben.

Weiter schrieb Jonas in seinem Resümee:

[…] Man sollte also nicht nur gegen die Schließung demonstrieren sondern auch versuchen durch attraktivere Stücke (nicht irgendwas super sozialkritisches sondern eher was unterhaltsames) die Leute ins Theater zu locken. […]

Sozial-, Geselleschafts- oder Systemkritik muss nicht immer schwere Kost sein. Viele klassische wie moderne Stücke schaffen den Spagat zwischen Unterhaltung und Sozialkritik sehr gut, wie auch die zuletzt aufgeführten Stücken im Schauspielhaus, wie »Der futurologische Kongress« oder »Ich Tasche« (welches ich leider noch nicht sehen konnte, aber über dass viel gutes gehört habe), zeigen.
Ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass gutes, anspruchsvolles Theater nicht gute Unterhaltung ausschließt! Theaterstücke können sehr vielschichtig sein, sodass sie einen auch gut unterhalten, auch wenn man nicht alle Anspielungen versteht. Je mehr man sich mit dem Stück befasst oder je mehr Vorbildung man hat, desto besser durchdringt man das Stück und sieht dann erst die wahre Bedeutung und Umfang.

Schon unser allseits geachteter ehemaliger Oberbürgermeister und Bundespräsident Johannes Rau erkannte den Wert der Kultur für die Gesellschaft und sagte, sinngemäß: »Die Kultur ist nicht die Sahne auf dem Kuchen, sondern die Hefe im Teig.«

Zum Schluss seines Beitrags geht Jonas noch auf meine Aussage ein, dass die Stadt versucht attraktiver zu werden, damit wieder mehr Menschen und junge Familien nach Wuppertal ziehen:

Und ich glaub auch nicht, dass die Stadt durch ein Schauspielhaus so viel attraktiver für junge Familien wird… allerdings würde sie es durch verschiedene Gemeinde- und Jugendzentren… und über die kreist der Rotstift ja auch schon…

Das Stimmt auf der einen Seite schon: Ein Theater gibt keinem Kind einen Kindergartenplatz oder Nachmittagsbetreuung in einem Jugendzentrum.
Aber: Zum einen gibt es eine Jugend-Gruppe von den Wuppertaler Bühnen in dem sich Jugendliche im Schauspiel ausprobieren können, neue Freunde finden, etc. Und mit dem Container gibt es eine Spielstätte die extra auf das junge Publikum zugeschnitten ist und auch von der Jugend-Gruppe bespielt wird; zum anderen bezog sich meine Aussage auch noch auf andere Aspekte der derzeitigen Kommunal-Politik, bei der Grün-Flächen, die z.T. sogar als Naturschutzgebiet ausgezeichnet waren, zum Bebau für Einfamilienhäuser freigegeben wurden! Und das obwohl in Wuppertal etliche Wohnung frei stehen und die Stadt Geld dafür Bereitstellen muss, um die Infrastruktur (Straßen, Strom, Wasser, …) in das Neubaugebiet zu legen!
Darin sehe ich auch eine große Diskrepanz: Geld ausgeben um neue Infrastruktur zu schaffen statt die bisherige zu erhalten.

Lena schreibt in ihrem Kommentar:

Auch das Argument der Stadt, auf das du mit den Jugendzentren ja anspielst, die Bildung sei von den Streichungen im kulturellen Bereich ja nicht betroffen, fasse ich mir entsetzt an den Kopf. Es gibt keine Bildung ohne Kultur!

Zumal der Bildungsbereich ja auch wieder direkt, nicht nur indirekt durch die Kultur, betroffen ist: Die Stadtteil-Bibliotheken sollen (meines Wissens nach) auch wieder einmal Kürzungen hinnehmen!

Franz schreibt zur Diskussion in ihrem Kommentar:

Nur weil das Schauspielhaus und das Opernhaus geschlossen werden (soll letzteres geschlossen werden?) wird nicht jegliche Kultur verebben.
Für ein Theaterstück fährt man dann eben nach Düsseldorf oder Köln, etc. […]

Das Opernhaus soll noch nicht geschlossen werden, allerdings, wie ich in meinem Beitrag schrieb, wird befürchtet, dass, wenn das Schauspielhaus einmal geschlossen ist, es langfristig auch das Opernhaus treffen könnte. Eine, meiner Einschätzung nach, durchaus nicht unrealistische Befürchtung.

Natürlich wird die Kultur in Deutschland nicht wegen der Schließung des Wuppertaler Theaters verebben, aber es wäre für unsere Stadt und Region ein Rückschritt im Bereich Kultur. Denn das Wuppertaler Ensemble ist gut und stark! (Und hat mich persönlich schon öfters durch seine Schauspielkunst fasziniert.)
Das Schauspielhaus, dessen Ensemble und dessen (neues) Programm, das derzeit auch z.T. durch experimentelle Inszenierung glänzt, ist eine Bereicherung für die Stadt und gehört für mich auch zur Identität dieser Stadt. Und ich bin daher eher bereit hier ins Theater zu gehen als in Düsseldorf, Hagen oder Köln.

Weiter schreibt Franz:

Man mags auch kaum glauben, es gibt sogar sehr ansprechende Kinofilme in dieser Richtung, nicht nur Bumm, Bumm, Bumm usw.

Klar gibt es auch ansprechende Filme, aber gesellschaftskritische Filme oder Filme, die mit einem Theaterstück vergleichbar wären, laufen nicht in allen Kinos, gerade nicht den großen. Und, das ist das wichtigste, ein Theaterstück hat eine ganz andere Wirkung und Faszination als ein Film! Die ist mit einem Film, meiner Meinung nach, kaum zu vergleichen.

Zum Schluss schreibt Franz:

Nur um allem Vorzubeugen, ich finde es auch schade das diese Einrichtungen geschlossen werden, ich gehe gerne ins Theater, aber wie Jojojonsey schon sagte “nur dafür, dass es da ist brauchen wir kein Schauspielhaus” wenn es nicht besucht wird, hat es keinen Nutzen. Und wenn es so gut besucht wäre, wie alle sagen, müsste man es nicht schließen, oder?

Das Problem ist, wie ich bereits weiter oben geschrieben habe, dass die neue Intendanz gerade dabei ist das Theater und das Programm neu auf zu stellen, wobei sie mit den Altlasten der ehemaligen Intendanz zu kämpfen hat. Das (neue) Wuppertaler Theater im Schauspielhaus hat, soweit ich das einschätzen kann, Potenzial! Und wäre, wenn man es bestehen ließe, für Wuppertal wirklich eine Bereicherung.
Es mag sein, dass die Ränge nun, wie Jonas in seinem Kommentar schrieb, durch die Torschlusspanik so gut gefüllt sind; vielleicht ist dies auch die Chance, dass Schauspielhaus zu retten: Wenn viele Menschen nun noch die Stücke sehen, sie als gut und Bereicherung empfinden, sie weiterempfehlen und so das neue Programm sich herum spricht und weiteren anklang findet. Sicher eine Utopie, aber eine, die ich mir wünsche.

Zum Schluss möchte ich nun noch auf einen, den wohl wichtigsten und strittigsten, Punkt eingehen: Die Schulden in Wuppertal.
Das derzeitige Haushaltsloch in Wuppertal beträgt 1,8 Milliarden Euro (Quelle: WZ). Jährlich kommen ca. 230 Millionen Euro an Neuverschuldung in Wuppertal dazu. Auch mit den geplanten Einsparungen in allen Sektoren wird das Haushaltsloch nicht zu stopfen sein!
Hinzu kommt, dass Wuppertal, wie alle anderen westdeutschen Städte auch, immer noch für ostdeutsche Städte einen Solidaritätsbeitrag zahlen muss – in Wuppertal beträgt dieser 11 Millionen Euro pro Jahr! Und das obwohl Wuppertal mittlerweile so heruntergewirtschaftet wurde, sodass diese Stadt eigentlich selbst einen Solidaritätsbeitrag bräuchte.
Ich denke nicht, dass dieses neue Sparpaket irgendetwas bringt, abgesehen davon, die Infrastruktur und die Sozialenleistungen der Stadt weiter herunter zu fahren. Die einzige, wirkliche Lösung wäre eine neue, vernünftige Regelung der kommunalen Haushalte durch Land und Bund. Denn mit dem jetzigen Weg, werden wir, so denke ich, in gut fünf Jahren wieder über ein neues, tiefer-gehendes Sparpaket diskutieren, dass dann wohl auch die letzten »Freiwilligen Leistungen« komplett rauskürzt.

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